Brief im Kamin – Teil 3

Laura, 37 - August 2026

Die Kette war ein Erbstück meiner Oma. Ich hatte sie bei mir als ich das Haus verließ. Damals, vor siebzehn Jahren. Ich kehrte damals nicht mehr zurück. Heute war ich erstmals wieder hier.

 

Das Wichtigste bei mir

Die Kette lag schwer und wertvoll in meiner Hand. Schwer und wertvoll wie eine alte Erinnerung. Kurz war mir als hätte ich im Flur etwas gehört. Schritte. Aber das konnte nicht sein, die Handwerker waren alle schon in den Feierabend aufgebrochen. Ich war allein.

Die Kette hatte ich damals bei mir. Die Kette war wichtig. Doch etwas war wichtiger. Ein warmes Bündel, gehüllt in eine Decke. Ich wollte es bei mir behalten. Aber es ging nicht. Im Haus nicht. Und draußen auch nicht.

 

Ich war allein

Ich hatte meinen Vater nie kennengelernt. Meine Mutter erzählte nie von meinem Vater. Vielleicht war es eine einmalige Begegnung gewesen – so wie bei mir. Meine Mutter verweigerte mir jede Unterstützung. Meine Oma war nicht mehr da. Ich war allein.

Ich wusste, dass es ihm dort, weit weg, in dem Haus am Rand der Stadt, gut gehen würde. In einem Haus, wo man nicht allein war. Ich legte das Bündel ins Trockene. Klingelte. Und lief weg. Die Kette hatte ich in eine Falte seiner warmen Decke gesteckt.

 

Wie leuchtendes Kaminfeuer

Nun hörte ich doch Schritte im Flur. Das war ganz eindeutig. Ich schaute auf und war wieder in der Gegenwart. In meiner Hand lag die Kette.

Der siebzehnjährige Kaminbau-Azubi trat ins Wohnzimmer. Er hatte feuerrotes Haar – wie leuchtendes Kaminfeuer. Wie meine Oma als junge Frau.

Er setzte sich mir gegenüber an den Kamin. Wir schauten uns an und schwiegen einvernehmlich. Es waren keine Fragen nötig. Ich hatte bereits verstanden, dass der Brief mit der Kette von ihm war. Auch er, mein Sohn, hatte keine Fragen an mich. Nicht jetzt, nicht in dem Moment. Er würde die vielen Fragen später stellen.

Ende.