Leuchtender Herbst

Richard, 45 - September 2026

Es gibt Abende im Herbst, an welchen die Welt zu leuchten scheint. Früher empfand ich den Herbst als eine trübe und verregnete Jahreszeit. Doch heute sehe ich das anders…

 

Leuchtendes Herz

Heute sehe ich das tiefe Rubinrot des wilden Weins an der Hauswand, das flammende Orange der Ahornblätter und das helle Gold der Birken, wenn die tief stehende Sonne durch ihre Kronen fällt. Selbst das feuchte Braun der Erde bekommt im Abendlicht einen kupfernen Glanz.

Der schönste Teil des Tages beginnt daheim. Im Wohnzimmer brennt der Kamin. Er ist in diesen Monaten das leuchtende Herz unseres Hauses. Hinter der Scheibe tanzen goldgelbe Flammen über den Holzscheiten, manchmal ruhig und beinahe feierlich, dann wieder wild aufflackernd in Orange, Rot und einem kurzen, fast bläulichen Weiß. Das Feuer knistert, wirft bewegte Schatten an die Wände und taucht den Raum in warmes Licht.

 

Welten im Kaminschein

Wenn ich abends heimkehre, sitzt meine Frau meist schon vor dem Kamin auf dem Sofa. Zwei Gläser stehen auf dem Tisch, manchmal eine Schale mit Nüssen oder dunkler Schokolade. Ich geselle mich dazu. Draußen treibt der Wind die Blätter über die Terrasse, drinnen ist es warm und gemütlich.

Manchmal lesen wir. Jeder sein eigenes Buch, schweigend und doch gemeinsam. Von Zeit zu Zeit schaut einer auf, erzählt dem anderen einen Gedanken oder liest einen besonders schönen Satz vor. An anderen Abenden suchen wir einen alten Film aus, ziehen die Decke über die Beine und lassen uns für zwei Stunden in eine andere Welt tragen. Ich mag diese Momente voller Vertrautheit. Wir brauchen keine großen Worte. Es genügt das Geräusch einer umgeblätterten Buchseite, ihre Hand auf meiner oder das Lachen über eine Filmszene.

 

Die Farben der Feuerglut

Am Wochenende verändert sich der Rhythmus des Hauses. Dann kommt unsere Tochter zu Besuch. Sie hat gerade ihr Studium der Kulturwissenschaften begonnen und bringt eine ganze Welt neuer Gedanken mit. Plötzlich wird am Esstisch über Kunst, Geschichte, Sprache und gesellschaftliche Rituale diskutiert. Sie erzählt von Professoren, Büchern und Menschen, denen sie begegnet ist, begeistert sich, widerspricht, verwirft einen Gedanken und entwickelt im nächsten Augenblick schon einen neuen.

Später sitzen wir zu dritt am Kamin. Das Feuer ist inzwischen ruhiger geworden. In der Glut liegen tiefe Rottöne, Purpur und dunkles Bernstein. Durch die Fenster sieht man nur noch die schwarzen Silhouetten der Bäume und gelegentlich wirbelt ein Blatt im Lichtschein vorüber.

In diesen Augenblicken liebe ich den Herbst. Sie sind flüchtig wie Herbstfarben. Doch sie müssen nur hell genug leuchten, damit ihre Wärme bleibt.